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DI.in Eva Kail

DI.in Eva Kail

Leitstelle Alltags- und Frauengerechtes Planen und Bauen MD– Stadtbaudirektion, Stadt Wien Mail: kae@mbd.magwien.gv.at http://www.wien.gv.at






Gender Mainstreaming in der Stadt- und Verkehrsplanung: eine neue Strategie der Qualitätssicherung
Die Leitstelle Alltags- und Frauengerechtes Planen und Bauen

Frauengerechte Planung setzt sich seit vielen Jahren für die Berücksichtigung der Interessenslagen von Frauen ein. Der Alltag von berufstätigen Frauen mit Familie ist in der Kombination von Erwerbs- und Hausarbeit in der Regel deutlich komplexer als der von berufstätigen Männern. Da der Frauenalltag seit jeher davon geprägt ist, für die Bedürfnisse anderer zu sorgen, kamen damit auch die Bedürfnisse von Kindern und Jugendlichen mit in den Blickwinkel. Auch das Alter ist weiblich, was die große Mehrzahl alter Menschen betrifft, aber auch das Geschlecht derer, die bezahlt oder unbezahlt für sie sorgen.
In Wien werden die Interessenslagen von Frauen im Planungsbereich seit 12 Jahren thematisiert: von 1992 bis 1997 im damals neu gegründeten, interdisziplinär zusammengesetzten Frauenbüro der Stadt Wien (MA 57). 1998 wurde die Leitstelle Alltags- und Frauengerechtes Planen und Bauen in der MD-Stadtbaudirektion geschaffen. Damit wurde viel an Genderkompetenz im Planungs- und Verkehrsbereich aufgebaut.
Gender Mainstreaming als neue Strategie der Qualitätssicherung

Gender Mainstreaming bedeutet die Institutionalisierung des Begriffs Gleichwertigkeit der Interessen von Frauen und Männern. In der Stadt- und Verkehrsplanung sind die PlanerInnen aufgefordert, sich die Auswirkungen ihrer Planungen und Projekte konkret für Frauen und Männer zu überlegen, und zwar differenziert nach Lebensphasen, kulturellen Hintergründen und besonderen Bedürfnissen.
Es gibt mittlerweile eine Fülle von Literatur, etliche Pilotprojekte unter Genderaspekten wurden realisiert – Wien ist hier sicher im europäischen Vergleich Vorreiter. Wie man das jedoch systematisch verzahnt, wie man das wirklich in den Planungsprozess einbringt, ist noch immer methodisches Neuland.

Verkehrsbereich

Der Verkehrsbereich ist für Politik der Nachhaltigkeit ein zentrales Handlungsfeld. Gerade hier sind die geschlechtsspezifischen Interessenslagen relativ leicht nachzuvollziehen, da personenbezogene Erhebungen seit jeher wichtige verkehrspolitische Entscheidungsgrundlagen darstellen. Der sogenannte Modal-Split (Verkehrsmittelwahl) ist dabei ein zentraler Zielindikator. Eine geschlechtsspezifische Betrachtung ist aufschlussreich:
59% aller Autofahrten werden von Männern gemacht, 60% aller Fußwege werden in Wien von Frauen zurückgelegt. Nur 40 % der Frauen verfügen gegenüber 61 % der Männer im Alltag über ein Auto. In der traditionellen Verkehrsplanung war die systematische Betrachtung des FußgängerInnenverkehrs kein vorrangiges Thema. Damit sind strukturelle Benachteiligungen und Barrieren für zu Fuß gehende Personen entstanden. Vor allem Kinder, ältere Personen und Menschen, die Betreuungs- und Versorgungsarbeit leisten, legen viele Wege
in der unmittelbaren Wohnumgebung zu Fuß zurück. Da es in der Regel – immer noch – die Frauen sind , die einen Großteil der Arbeit in der Familie leisten und oft mit den langsamsten VerkehrsteilnehmerInnen unterwegs sind, aber auch bei den älteren Menschen ein hoher Frauenanteil festzustellen ist, kommen alle Maßnahmen die das Zu-Fuß-Gehen unterstützen in einem besonderen Ausmaß Frauen in ihrer Alltagsbewältigung zugute.

Mitarbeit im Masterplan Verkehr

Die Leitstelle war bei der Erstellung des Masterplan Verkehr Wien 2003 für den Arbeitskreis "Öffentlicher Raum und Verkehrssicherheit" federführend zuständig. In diesem Arbeitskreis wurden die Verkehrsarten „Zu-Fuß- gehen“ und „Radfahren“ behandelt. Die Leitstelle war um eine starke Verankerung der FußgängerInneninteressen und ihre weitreichende Detaillierung in den Maßnahmenvorschlägen bemüht. Zu den Qualitätsstandards, die im Sinne der FußgängerInnen umgesetzt wurden, zählen beispielsweise die Vorgabe von mindestens 2 Meter breiten Gehsteigen oder die fußgängerfreundliche Programmierung von Lichtsignalanlagen mit einer maximalen Wartezeit von 40 sec und einer maximal notwendigen Gehgeschwindigkeit von 1m/sec über die Kreuzung.

Zudem wurden auf Anregung der Leitstelle sämtliche Maßnahmen und Vorschläge der sechs Arbeitskreise aufgelistet und von den ArbeitskreisleiterInnen hinsichtlich ihrer Auswirkungen für die Erreichbarkeit im Umweltverbund, die Sicherheit im öffentlichen Raum, die Erledigung von Haus- und Familienarbeit, die Effekte für Kinder, Jugendliche und alte Menschen bewertet.

Gender Mainstreaming - Musterbezirke

Die Bezirksebene bietet sich für eine systematische Erprobung des Gender Mainstreamings an. Auf dieser Ebene des kommunalpolitischen Handelns ist die Verbindung von Politik, Verwaltungshandeln und Alltagsleben der Bevölkerung am stärksten spürbar, denn die Auswirkungen von Entscheidungen werden unmittelbar wahrgenommen.
In Zusammenarbeit mit der Magistratsabteilung für Allgemeine Datenverarbeitung wurden daher für 19 Wiener Bezirke EDV-gestützt Karten entwickelt, die den Verantwortlichen in jedem interessierten Bezirk eine geschlechtssensible Entscheidungsfindung für Projekte und Vorhaben im öffentlichen Raum erleichtern. In einem zweiteiligen Kartenwerk sind jetzt erstmalig systematisch die „Netzqualität“ und die „Netzdefizite“ der Verkehrsart Zu-Fuß-Gehen zusammengefasst.
Gender Mainstreaming - Pilotbezirk

Als „Gender Mainstreaming Pilotbezirk“ wurde 2002 Mariahilf ausgewählt, der sich die Verbesserung der Bedingungen für FußgängerInnen schwerpunktmäßig zum Thema gemacht hat. Die Leistelle koordiniert den Prozess, liefert theoretische und praktische Grundlagen und unterstützt die beteiligten Dienststellen durch Information und Beratung.

Die sieben beteiligten Dienststellen, die mit dem öffentlichen Raum auf Bezirksebene befasst sind, haben dabei selbstständig Leitprojekte und –verfahren im Bezirk ausgewählt, um beispielhaft die geschlechtsspezifischen Auswirkungen abzuschätzen und auszuweisen, welche unterschiedlichen Bedürfnisse der verschiedenen Zielgruppen berührt werden. Das Aktivitätsspektrum reicht dabei vom Straßenumbau über Beleuchtungsverbesserungen bis zu Sitzgelegenheiten im öffentlichen Raum.

Mit 2005 berücksichtigen die drei Kernabteilungen (Verkehrsplanung, Straßenbau und Beleuchtung), die aufgrund der Vielzahl der laufenden Aktivitäten und aufgrund der inhaltlichen Schwerpunktsetzung im Bezirk ausgewählt wurden, Gender Mainstreaming flächendeckend bei allen Maßnahmen. Dazu wurden gemeinsam Beurteilungsinstrumente entwickelt, die für jede Maßnahme angewandt werden.

Die besondere Herausforderung des Gender Mainstreaming Pilotprozesses Mariahilf bestand in dem systematischen Einbringen eines erweiterten Blickwinkels in die Arbeit der im 6. Bezirk tätigen MitarbeiterInnen der verschiedenen Dienststellen über einen längeren Zeitraum. Europaweite Recherchen zeigten, dass es keine vergleichbaren Beispiele gab, Wien damit wieder eine VorreiterInnen-Rolle hatte. Viele Win/Win Situationen wurden geschaffen. Besonders wichtig ist so eine verkehrspolitische Schwerpunktsetzung aber in Konfliktsituationen, die im Verkehrsbereich leider die alltägliche Arbeit von BezirksvorsteherInnen, BezirksrätInnen und PlanerInnen darstellt. Mit dem Pilotprozess ist nachgewiesen, dass die Qualitätsansprüche des so abstrakt klingenden Prinzips Gender Mainstreaming im konkreten Planungsalltag eingelöst werden können – gut handhabbare und handfeste Methoden liegen vor.

Welchen Planungsthemen widme ich wie viel Zeit, Energie und Sorgfalt – dieser Frage hat sich Politik und Verwaltung immer wieder zu stellen. FußgängerIn ist nicht gleich FußgängerIn. Ist mein Maßstab der fitte Erwachsene allein unterwegs oder eine Mutter/Vater mit Kinderwagen und Kleinkind an der Hand unterwegs. Sie sollten der „LKW am Gehsteig“ sein, an dem die PlanerInnen Maß nehmen, das Bild das sie im Kopf haben. Jemand Gebrechlicher, der die Füße nur ein bis zwei Zentimeter heben kann ist der Maßstab für barrierefreie komfortable Wege, jemand der sich am Heimweg im Dunklen fürchtet der Maßstab für ausreichende Beleuchtung. An den Bedürfnissen dieser Indikator-Personen sind Qualitätsansprüche festzumachen. Wenn es für sie passt, passt es für die meisten Anderen auch. Das sind auch jene VerkehrsteilnehmerInnen die keine Schlagzeilen in den Zeitungen produzieren. Sie sind leise und in einem besonderen Maß auf die aktive Interessenvertretung seitens der Bezirkspolitik und der Stadtverwaltung angewiesen. Hier ist der Einfluss der Bezirkspolitik besonders hoch, da sie nicht nur über den Einsatz der finanziellen Mittel entscheidet, sondern auch ihre lokale Kenntnis durch die Tätigkeit „vor Ort“ in den Planungsprozess einbringt.

Die Broschüre zum Pilotbezirk ist bei der Leitstelle Alltags- und Frauengerechtes Planen und Bauen kostenlos zu bestellen unter der Telefonnummer 01/4000/82663 sowie unter der Email-Adresse: hrb@mbd.magwien.gv.at

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